Seefelds Anfänge

Als hier noch die Meereswogen rauschten…

Wenn wir auf der Suche nach den ersten Bewohnern von Seefeld mit „Adam und Eva“ anfangen, sind wir um Jahrmillionen zu spät dran –  egal, wann wir dieses biblische erste Menschenpaar als Bild für das Auftreten der ersten „Menschen“ auf unserer Erde aus wissenschaftlicher Sicht ansetzen, z.B. den Vormenschen „Sahelanthropus tchadensis“ vor 7 Millionen Jahren oder den „Homo sapiens“ vor 200.000 Jahren), die ersten Lebewesen auf dem heutigen Ortsgebiet von Seefeld begegnen uns bedeutend früher.

stammbaum
Als Teil der Familie des „homo sapiens“ sind wir eigentlich nicht wirklich „alt“…

http://www.wir-menschen.info/stammbaum.html

Für die Geschichte von Seefeld relevant sind sicher die ersten „Bewohner“ in unserer Gegend, die Jahrmillionen vor den ersten Menschen in Europa unsere Gegend „bevölkerten“. Sie prägen die Geschichte unseres Dorfes und deren Menschen, auch solche aus unseren Familien, bis in die neueste Zeit.

Früheste Zeugen für die ersten „Siedler“ bzw. Lebewesen auf Seefelder Gemeindegebiet, deren Spuren heute noch jeder auf einem Spaziergang rund um Seefeld finden kann, stammen weder aus der Römerzeit noch aus der Steinzeit, nicht einmal aus den Anfängen der Menschheit überhaupt (quasi aus der Zeit von „Adam und Eva“), sondern aus mindestens 200.000.000 (200 Mio) Jahren vorher! Es sind die weltweit einzigartigen Versteinerungen von Meeresbewohnern (auf 1.200m Seehöhe!!) aus jener Zeit im Seefelder Ölschiefer.

Als sich die Berge rund um Seefeld und das Seefelder Plateau als Teil des Karwendel- bzw. Wettersteingebirges und damit der Alpen als relativ junges Gebirge vor fast 200.000.000 Jahren auf dem Meeresgrund zu bilden und über dieses hinaus „aufzufalten“ begannen, lag das heutige Gemeindegebiet von Seefeld auf dem Grund dieses Meeres.  Darüber ein „Teil eines ausgedehnten tropischen Flachmeeres ähnlich den heutigen Bahamas. In diesem Meer gab es lokal tiefe Bereiche, in denen es aufgrund schlechter Zirkulation und häufiger Algenblüten zu einer Situation wie im heutigen Schwarzen Meer kam: ab einer gewissen Wassertiefe war aller Sauerstoff aufgebraucht und am Meeresboden lagerte sich Faulschlamm ab. ‚Dieses extrem lebensfeindliche Milieu bildete paradoxerweise die Voraussetzung dafür, dass überproportional viele Spuren des damaligen üppigen Lebens erhalten geblieben sind. Denn aufgrund des fehlenden Sauerstoffs verwesten die im Schlamm eingebetteten Organismen nicht und wurden fossilisiert‘, erklärt Univ.-Prof. Dr. Christoph Spötl vom Institut für Geologie und Paläontologie der Universität Innsbruck. So entstand über geologische Zeiträume der Ölschiefer von Seefeld, dessen Bitumen seit dem 14. Jahrhundert auch abgebaut wurde, um daraus das Arzneimittel Ichthyol zu gewinnen.“((http://www.uibk.ac.at/public-relations/presse/archiv/2013/381)). Heute liegt Seefeld also nicht mehr wie vor hundert Millionen Jahren unter dem Meeresspiegel, sondern dieser ehemalige Meeresgrund und seine dort „eingelagerten“ Bewohner findet sich heute mehr als 1000 m über dem heutigen Meeresspiegel!!

Paradox: wie Menschen in Staaten am Meer heute noch von „Meeresfrüchten“ leben, erwirtschafteten auch viele Seefelder Familien noch vor einigen Jahrzehnten fernab eines Meeres ihren Lebensunterhalt aus dem Meer – indem sie statt zu fischen die Reste der ehemaligen Meeresbewohner mit Hammer und Meisel  aus dem Fels schlugen und nach dessen „Bearbeitung“ als „Dürschenöl“ vermarkteten. Der Tourismus verbindet uns heute zwar auch wieder mit den Siedlungen am Mittelmeer, lässt sich allerdings nicht wirklich auf die Existenz eines Urmeeres zurückführen 🙂

 

Fast wie auf Grönland…

Wir machen einen gewaltigen Zeitsprung von 199.600.000 Jahren seit der Entstehung der Einlagerungen im Seefelder Ölschiefer, und finden uns um 400.000 v. Chr. auf Seefelder Gebiet statt auf dem Meeresboden nun auf einem eiszeitlichen Gletscher wieder. Einen größeren Gegensatz kann man sich nicht vorstellen, wie zwischen einer Bucht auf den Bahamas und einem Gletscher in Grönland – aber (geologische) Realität für die verschiedenen Zustände am Seefelder Hochplateau im Lauf der letzten Jahrmillionen….

Seefeld
Blick vom „Seefelder Gebirge“ (Härmelekopf) auf das Seefelder Hochplateau gegen Westen. Li das Inntal, in der mitte die Hohe Munde, re das Gaistal mit dem angrenzenden Wettersteingebirge. Dieses Gebiet bedeckte vor 400 000 Jahren der „Inntal-Gletscher“.

 (https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a4/Seefeld.jpg)

Die Seefelder Hochfläche zwischen dem Karwendel- und Wettersteingebirge ist nicht das Produkt eines „eingebrochenen“ Gebietes (wie z.B. der Grabenbruch der Oberrheinischen Tiefebene), auch nicht Ergebnis eines jahrtausendelang arbeitenden Wasserlaufes (wie z.B. beim Grand Canyon in den USA), sondern das Ergebnis einer Mischung aus Gletscherabrieb und Erosion.

Wer schon einmal das Glück hatte, mit dem Flugzeug bei Schönwetter über Grönland zu fliegen, kann eine Ahnung haben, wie ein fiktiver Flug über Seefeld bzw. Tirol vor 400.000 Jahren erlebt worden wäre: unsere Gegend lag unter einer kilometerdicken Eismasse, einem Ausläufer des mächtigen „Inntal-Gletschers“.

Grönland von oben - so könnte es in unserer Heimat vor 400.000 Jahren ausgesehen haben. Foto:
Grönland von oben – so ähnlich wird ein Blick auf Seefeld  vor 400.000 Jahren ausgesehen haben.

(https://de.wikipedia.org/wiki/Grönland)

Der Inntal-Gletscher (Inn-Gletscher) war der eiszeitliche Gletscher unseres Alpenflusses Inn. Aus dem schweizerischen Ober- und Unterengadin (Kanton Graubünden) kommend, durchfloss der Gletscher das Land Tirol (heutiges Inntal), und breitete sich dann ins Bayerische Alpenvorland aus.

Seine Ursprünge hatte der Eisstrom in den Vergletscherungen um das Gotthardmassiv und die Berner Alpen, im weiteren Verlauf traten Eisströme insbesondere aus der Berninagruppe hinzu.

Im Oberinntal traten mächtige Ströme aus Paznaun-, Pitz- und Ötztal hinzu, wobei wiederum Eismassen über das Klostertal ins Rheingebiet, wie auch nach Süden zum Etsch-Gletscher verdrängt wurden.

Im Mittelinntal stießen von Süden weitere Gletscher durch Sellrain-, Stubai- und Silltal hinzu, wodurch ein Nebenstrom Richtung Seefeld verdrängt wurde. Um Innsbruck dürfte der Gletscherstand auf mindestens 2200m (in etwa die Höhe der Seefelder Spitze) gelegen haben, wie man an den knapp überströmten Scharten Erlsattel (ca. 1800m) und Lafatscher Joch (2081m) an der Nordkette abschätzt. Auch in diesem Raum wird das Eisstromnetz von den Zentral- in die Nordalpen durchgegangen sein.

Richtung Unterinntal nahm die Höhe gegen 2000m ab, wobei der Gletscher aus dem Zillertal neuerlich einen Nebenstrom Richtung Achensee drängte. Diese beiden Gletscherströme trafen sich zu den Höchstständen schon um Schwaz: der Loas-Sattel (1683m) wurde überströmt und das Kellerjoch (2344m) stand als Inselberg  im Inntal-Gletscher. Noch bis unterhalb der Zillermündung dürfte ein riesiges Eisfeld bestanden haben (Stand bis 1900m). Danach nahm die Mächtigkeit bis Kufstein vergleichsweise schnell ab.

So entstand durch die Arbeit des Gletschers (Materialtransport, Gletscherabrieb) und durch Erosion nach Abschmelzen des Gletschers im Lauf von zig-Jahrtausenden jene prachtvolle Hochfläche des Seefelder Plateaus, wie sie sich dem staunenden Betrachter von einem der Berge rund um Seefeld oder Leutasch präsentiert. Wie die versteinerten Meeresbewohner der Urzeit im Seefelder Ölschiefer zeugen mächtige Sandbänke (Gletschrmoränen) z.B. im Eppzirl oder zwischen Seefeld und Leutasch, oder „Findlinge“ aus anderen weit entfernten geologischen Formationen um den Simmelberg, von Zeiträumen, denen gegenüber sich die Periode unserer Familiengeschichte wie ein flüchtiger Augenblick erweisen.

(Unter Verwendung von: „https://de.wikipedia.org/wiki/Inn-Gletscher“, und :“http://opac.geologie.ac.at/wwwopacx/wwwopac.ashx?command=getcontent&server=images&value=JB0553_451_A.pdf).

Und noch ein Rohstoff aus der Urzeit…

Wie die ältesten Seefelder noch wissen: im Wildmoos wurde bis vor wenigen Jahrzehnten ein bedeutender urzeitlicher Stoff für den Alltagsgebrauch gewonnen: Torf. Wie in der Urmappe von 1856 festgehalten, wurde aber nicht nur im Wildmoos, sondern  auch im heutigen Ortsgebiet von Seefeld in größeren Mengen Torf gewonnen:

Torfstich, Urmappe 2

Wie aus dem Mappenausschnitt ersichtlich (weiße Fläche mit „Torfziegeln“ am linken oberen Bildrand), liegt um die Mitte des 19. Jahrhunderts zwischen Leutascher Straße und Geigenbühel (an der Stelle östlich der heutigen Leutascher Straße)  eine bedeutende Fläche auf der ein Wirtschaftsgebäude steht und die als Torfstich bezeichnet ist. Diese besitzt laut Grundparzellenprotokoll der Gemeinde Seefeld von 1856 (Bundes-Eich- und Vermessungsamt) der Innsbrucker Kaufmann Maximilian Kapferer und hat eine Fläche von 5 Joch und 785 Klafter.

Entstanden ist das Seefelder Torflager wie andere Hochmoore in unserem Land (im Ober- und Unterland, im Außerfern, am Mieminger Plateau, im Kühtai, bei Lans usw.) am Ende der letzten Eiszeit vor ein paar zigtausend Jahren. In Bodensenken mit einem undurchlässigen Untergrund (wie Ton, Lehm oder Mergel) breiteten  sich hier Pflanzen aus,  die das Wasser stark überwucherten und deren Wurzeln leicht verfilzten.  Als dieser Bewuchs zu schwer wurde, versank er im Wasser, sammelte sich am Boden, verdrängte mit der Zeit das Wasser, es bildete sich ein Moor, die Pflanzenreste begannen zu verfaulen. Dies geschah durch den hohen Säuregehalt und den Sauerstoffmangel (durch das darüber liegende Wasser) sehr langsam, der Prozess dauerte mehrere tausend Jahre.

Im Vergleich zu Torf-Vorkommen in anderen Gegenden (z.B. in Oberbayern oder im salzburgerischen Flachgau) war unser Torf leider nicht so ergiebig oder von besonderer Qualität. Trotzdem zählte der Seefelder Torf neben dem aus Lans noch zu den Besten im Land. Laut Wiener Ackerbauministerium (amtliche Statistik aus dem Jahr 1878) entsprach der Brennwert von 290kg Seefelder Torf jenem von 1 Festmeter Fichtenholz (400kg bis 500kg, je nach Trocknungsgrad). Aus dieser Statistik ist nicht nur der Brennwert ersichtlich (also cà 1/3 besser als Holz), sondern auch der bevorzugte Nutzungszweck: Brennstoff als Ersatz für Brennholz. Verwendet wurde er anscheinend aber auch als Einstreu in Viehställen oder als Bettunterlage für Kleinkinder (große Saugfähigkeit, Milderung der Geruchsbelästigung) oder als isolierendes Füll- und Dämmmaterial im Hausbau.

Zusammenfassend können wir „Hauser“ mit allen anderen Seefelder Familien daran denken, dass sich bei genauerer Betrachtung geschichtlich relevante Vorgänge für unseren Ort nicht nur im Zeitrahmen von ein paar Jahrzehnten oder Jahrhunderten ereigneten, sondern dass auch Ereignisse durch mehrere hundert Millionen Jahren unser Leben in einer Art prägen, die uns erschauern, staunen oder nachdenklich werden lassen können. Die von den Naturkräften gebildete Landschaft einer Hochfläche in den Alpen (Auffaltung, Erosion, Vergletscherung….), die unser Leben prägt (zugegeben das unserer Ahnen stärker als unser heutiges), oder die vor 200 Millionen Jahren sich zu bilden begonnen Bodenschätze, die einigen unserer Familie Arbeit und damit Lebensunterhalt ermöglich(t)en.

(Nach: www.landesmuseum.at/pdf_frei…/VeroeffFerd_019_0001-0056.pdf, und: http://www.weilheim-schongau.bund-naturschutz.de/fileadmin/kreisgruppen/weilheim/dokumente/schwarzlaichmoor.pdf).

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