Balthasar „Hauser“ Neuner

Balthasar "Hauser" NeunerMale View treeBorn: 1804Died: 1866
Father: Philipp Neuner (Neiner)Mother: Anna Zunterer
Children: Maria Anna Neuner, Theresia Neuner, Alois Neuner, Karolina Neuner, Josef Neuner, Katharina Neuner, Michael Neuner, Maria Neuner, Johann "Alt-Hauser" Neuner
Siblings: Alois Neuner, Magdalena Neuner, Theresia Neuner, Georg Neuner, Anton Neuner, Agnes Neuner

Balthasar Neuner, vor über 150 Jahren Sagschneider und Bauer in Unterseefeld, ist der Namensgeber für den Haus- und damit Clan-Namen „Hauser“. Er wurde zu seiner Zeit in Abwandlung seines Taufnamens Balthasar „Hauser“ gerufen. „…von kleinerer Statur, schwarzer Haare, brauner Augen, kumpfer Nase, länglichen Angesichts, hat sonstige Kennzeichen keine, spricht Sprachen bloss deutsch.“ So wird der 27jährige „Balthauser“ in der Entlassungsurkunde vom 25.2.1831 aus der 12ten Companie des k.k. Kaiserjägerregiments beschrieben:

Ausschnitt von der Rückseite der Entlassungsurkunde, wo Balthasar Neuner beschrieben ist.
Ausschnitt von der Rückseite der Entlassungsurkunde aus der 12ten Companie des k.k.Kaiserjägerregiments , wo Balthasar Neuner beschrieben ist. Foto: Privat/ Archiv Neuner

Einzelheiten über „Balthausers“ Lebensgeschichte wissen wir aus den Pfarrbüchern von Seefeld (Taufbuch, Firmbuch, Trauungsbuch, Familienbuch, Sterbebuch), aus Originaldokumenten, die durch Zufall auf dem Dachboden am Hauser-Stammsitz Heilbadstraße 93 gefunden wurden, aus Dokumenten über die Seefelder Dorfstruktur im 19. Jahrhundert (Urkunden und Schriftstücke im Tiroler Landesarchiv, Ortschronik Leutasch und Seefeld) sowie aus einschlägiger Literatur über Seefeld und Leutasch.

Balthasar kommt am Montag dem 7. Mai 1804 um 8:00h früh im Elternhaus Nr. 26 im ehemaligen Seefelder Moosviertel (neben Seehäuser, Schiffhäuser und Unterseefeld einem der vier damaligen Dorfviertel) auf die Welt. Heute steht an dieser Stelle an der Ecke Andreas Hofer Straße/Münchner Straße das „Hotel Elite“.

Zwei Stunden nach seiner Geburt– wie damals auf Grund der hohen Kindersterblichkeit und des damaligen Taufsakramentenverständnisses üblich – wird Balthasar getauft, Taufpate ist Balthasar Tiefenbrunner, Balthasars Vorname geht also auf seinen Taufpaten zurück. Im gleichen Jahr werden in Seefeld insgesamt 11 Kinder geboren.

Der Taufpriester ist P. Joh. Bapt. Bachmann. Er ist Mitglied der Klostergemeinschaft des Zisterzienserstiftes Stams, die nach der zwangsweisen Auflösung des Seefelder Augustinerklosters 1785 – also knapp 20 Jahre vor Balthasars Geburt – mit der Seelsorge in Seefeld betraut wurden und diese dort bis nach dem Zweiten Weltkrieg besorgten. Den ältesten Seefeldern ist Pfarrer P. Albuin Kecht als der letzte Stamser Pater in Seefeld noch gut in Erinnerung. Erst seit 1948/49 wird die Pfarre vom Innsbrucker Bischof mit einem Weltpriester besetzt.

Balthasar Neuner wird in die letzten großen und schlimmen Kriegswirren hineingeboren, die auf Seefelder Gebiet stattgefunden haben. Ungefähr hundert Jahre nach den furchtbaren Kriegsereignissen von 1703, wo 4.000 bayrische und französische Soldaten wochenlang Seefeld besetzten und arg drangsalierten, eröffnen am 3. November 1805 von Scharnitz über die Leutasch kommende französische Truppen vom Geigenbühel her das Feuer auf Seefeld. Zwei Tage später nehmen sie 800 heimische Soldaten gefangen und sperren sie in die Seefelder Pfarrkirche ein, die natürlich großen Schaden erleidet. Die Seefelder Bevölkerung flieht in diesen Tagen mit Kind und Kegel, unter ihnen wohl auch die Familie von Balthasar Neuner (Vater Philipp Neuner mit seiner Frau Anna und zwei kleinen Kindern), die ja nahe dem Dorfzentrum wohnen.

Nach dem Abzug der Feinde beginnt der Wiederaufbau der zerstörten Häuser, aber bereits vier Jahre später trifft es Seefeld und damit auch die junge Familie des Balthasar Neuner wieder sehr hart. Im Juli 1809 stecken durchziehende Soldaten 14 Wohnhäuser, den Pfarrhof und das Posthaus in Brand, Kirche und Kloster werden stark beschädigt, der Kirchturm wird zur Hälfte zerstört. Und im Oktober des gleichen Jahres wird Seefeld noch einmal von Kriegswirren heimgesucht.

Der Taufpate Balthasars, Balthasar Tiefenbrunner, wird zwei Jahre nach seiner Taufe auch sein Firmpate sein. Die Firmung ist 1806 in Mittenwald, Firmspender ist Johann Nepomuk De Wolf, der Weihbischof von Freising und Regensburg – ein Hinweis auf die politische Situation der damaligen Zeit, die auch für die kirchliche Verwaltung bestimmend war. Die Bayern herrschen seit einem Jahr (Dezember 1805) als Verbündete Napoleons über Tirol, das nun eine bayrische Provinz ist. Ihre einschneidenden Maßnahmen auch ins kirchliche Leben werden zum legendären Aufstand der Tiroler 1809 führen, Balthasar wird dann fünf Jahre alt sein.

Bei der Firmung in Mittenwald ist Balthasar nicht allein, auch seine um zwei Jahre ältere Schwester Agnes (geb. 1802) wird mit fast 50 anderen Kindern aus der Umgebung am gleichen Tag dort gefirmt. Alle Kinder sind – im Unterschied zu heute – zwischen eineinhalb und sieben Jahre alt.

Die Schwester Agnes wird ledig bleiben und mit 54 Jahren 1856 an „Blutbrechen“ sterben. Neben Agnes hat Balthasar noch fünf jüngere Geschwister. Anton kommt 1806 auf die Welt, stirbt allerdings bereits als Kind. Georg wird 1809 geboren, wenige Tage nach der ersten Bergiselschlacht am 12. April 1809. Er stirbt 1836 in Innsbruck an der Cholera. Von Theresia (geb. 1811) werden wir später nichts mehr hören, Alois (geb. 1817) wird bis 1864 leben. 1819 kommt die jüngste Schwester Magdalena auf die Welt. Balthasar hat die Schule bereits abgeschlossen, die Mutter ist bereits sehr alt. Taufpatin von Magdalena ist Magdalena Rödlach aus Leutasch, „Bäuerin auf der Säge“ in Unterseefeld, ihr werden wir im Lauf der Geschichte im Zusammenhang mit der Übernahme der Säge durch die Hauser noch einmal begegnen.

Balthasar Neuners Vorfahren

Zwischen Seefeldern und Leutaschern gibt es seit je her sehr enge familiäre Beziehungen, auf jeden Fall weit mehr als zu den anderen Nachbarorten Reith oder Scharnitz. Die Grenzfeste Schlossberg stand eben zwischen Seefeld (nicht weit von der Hauser-Säge in Unterseefeld) und Scharnitz und nicht zwischen Seefeld und Leutasch. Auch die „Hauser“ haben mehrfache Wurzeln in Leutasch.

Kurz vor 1800 ziehen der 28 jährige Philipp Neuner (Neiner), der zukünftige Vater von Balthasar, und sein um drei Jahre älteren Bruder Erasmus (Erasimus) von Leutasch nach Seefeld. Beide haben für die Familiengeschichte der „Hauser“ eine zentrale Bedeutung: von Philipps Sohn Balthasar stammt der Clan-Name „Hauser“, über Erasmus, Balthasars Onkel, kommt der bereits seit langem bestehende Sägewerksbetrieb in Unterseefeld in den Familienbesitz der Neuner.

Der Familienname Neuner ist auf dem Seefelder Hochplateau auch heute noch einer der ältesten und am weitesten verbreiteten Namen. Er geht hier zurück bis in jene Zeit, in der im 12. Jahrhundert in Mitteleuropa die Verwendung von Familiennamen überhaupt aufgekommen ist. Hergeleitet wird der Name von den Mitgliedern eines „Neunerrates“ (heute eine Art Gemeinderat) oder von der Rangordnung der Mitglieder in einem ähnlichen Gremium (wie z. B. die Familiennamen Dreier, Elfer und Zwölfer). In einem Untertanenverzeichnis der Tiroler Landesfürsten aus dem Jahr 1427 finden sich unter den angeführten 56 Haushalten in Leutasch sieben Familiennamen, die heute noch vertreten sind: neben Neuner sind dies Öfner, Reindl, Witting, Nairz, Rödlach und Kluckner.

In Seefeld lautet bereits die zweite Eintragung im ältesten Taufbuch auf ein Mitglied einer Neuner-Familie: am 6.2.1606 wird ein Johannes Neiner getauft, Sohn des Leonardi Neiner aus Seefeld und der Katharina Etzbruggerin, Tochter des Johannes Etzbrugger aus Axams. Neuner-Familien gibt es in Seefeld also schon lange bevor mit Philipp und Erasmus zwei Neuner aus Leutasch nach Seefeld ziehen. Inhaber gleicher Familiennamen müssen also nicht unbedingt auf eine sehr nahe Verwandtschaft schließen lassen.

Das Brüderpaar Philipp und Erasmus Neuner stammt vom „Kurrer“, die Eltern sind die Bauersleute Antony Neiner und Franziska Post (vom „Fischer“ in Waidach). Der Hausnahme „Kurrer“ wird einige Jahrzehnte später durch die Heirat einer Tochter der Kurrer mit Ehrenreich Krug auf Träger des Familiennamens Krug übergehen, die diesen Hausnahmen bis heute innehaben. Einige Generationen später eine Hauser-Tochter aus Seefeld (Anna, geb. 1918 als ältestes Kind von Johann Neuner, Sagschneider in Unterseefeld und Enkel von Balthasar Neuner) 1944 den „Kurrer – Johann“ (Krug) heiraten (Eltern von Klaus Krug in Neuleutasch und Großeltern von Simone Krug, einer der Initiatorinnen des ersten Hausertreffens).

Neben Erasmus und Philipp schenken die Leutascher Eheleute Antony Neiner und Franziska Post noch 7 weiteren Kindern das Leben. Mathias (geb. 1770) stirbt bereits als Säugling, deshalb wird der nächst geborene Sohn wieder Mathias getauft (geb. 1771), Josef (geb. 1775) heiratet später nach Zirl, Bartlmä (geb. 1776) wird nach Oberhofen und dort eine Schwester des Hochw. Herrn Canonicus Stapf heiraten, von Prisca wissen wir nur das Geburtsdatum (1779). Johann (geb. 1781) wandert aus und soll 1826 bei Frankfurt verstorben sein. Das jüngste Kind der Familie und damit Balthasars jüngster Onkel väterlicherseits ist Thomas (geb.1786). Er wird 1809 die Anna Pfefferle heiraten und – obwohl der jüngste Sohn – den elterlichen Hof übernehmen. Aus dieser Familie stammt u. a. die Oberleutascher Schmiede-Familie Neuner (u. a. mit Feuerwehrkommandant Lorenz Neuner und Dekan Franz Neuner).

Philipp heiratet 1801 mit 29 Jahren in Seefeld in eine der Familien mit Namen Zunterer ein, in der seit Generationen das Schneider-Handwerk ausgeübt wird. Seine Auserkorene und damit die zukünftige Mutter von Balthasar ist die 28 Jahre alte Anna Zunterer. Deren Eltern leben allerdings beide nicht mehr. Der Vater, Schneidermeister und Bauer Josef Zunterer, wurde 1727 geboren und ist 1797 verstorben, seine Frau und damit Philipps Schwiegermutter Christina bereits 10 Jahre vorher. Da der Beruf Philipps bei seiner Hochzeit bereits als „sartor“ (Schneider) angegeben ist, dürfen wir zu Recht vermuten, dass er nicht zufällig in die Seefelder Schneider-Famile Zunterer eingeheiratet hat, noch dazu, wenn das Familienoberhaupt Josef Zunterer vier Jahre vor der Hochzeit der Tochter Anna mit Philipp bereits verstorben ist, der Betrieb also quasi verwaist war. Möglicherweise hat Philipp bereits in der Werkstatt seines Schwiegervaters seine Lehrjahre verbracht und dort die Tochter des Hauses kennen gelernt.

Der Name Zunterer ist zur damaligen Zeit in Seefeld ein häufig vorkommender Familienname. Zunterer scheinen in den Matrikenbüchern oft als Taufpaten und Trauzeugen auf. Noch zu Lebzeiten des Balthasar werden 1857 in einer Aufzählung aller 96 Seefelder „Feuerstätten“ (heute würde man Haushalte dazu sagen) außer dem Elternhaus von Balthasar noch die Häuser Nr. 7 (existiert heute nicht mehr, in etwa an der Stelle des heutigen Hauses Nr. 102 „Landhaus Schärmer“), Nr. 17 (existiert nicht mehr, in etwa an der Stelle vom heutigen Bahnhofplatz Nr. 613), Nr. 57 (heute „Klausnerhof“) und Nr. 62 (an der Stelle des heutigen „Stern Residenz“) als im Eigentum von Zuntererfamilien genannt.

Im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum wird ein Kontrabass eines Konrad Zunterer aus Seefeld (1717 – 1778) aufbewahrt und gezeigt, der zur berühmten „Tiroler Schule“ der von Jakob Stainer begründeten Tradition des Streichinstrumentenbaus gezählt wird. Auch sein Bruder Leopold Zunterer (1722 – 1792) hatte einen wohlklingenden Namen als Geigenbaumeister, und von deren Vater Anton Zunterer wird berichtet, dass er als Tischler in Seefeld bereits Geigenreparaturen ausgeführt hatte. Anna stammt aber nicht direkt von diesem Zweig der Familie Zunterer ab, der sich seit Generationen der Holzverarbeitung widmet (Tischler, Rädermacher, Zimmermeister…), sondern von einem Zweig, der im Dorf seit Generationen das Schneiderhandwerk ausübt und besonders im Dienst des damaligen Klosters steht.

Der Familienname Zunterer ist heute nicht nur in Seefeld sondern in ganz Tirol fast ausgestorben, die Telefonbücher Österreichs kennen nur noch eine einzige Familie mit diesem Namen und zwar in Rietz im Tiroler Oberland. Mehrere Familien dieses Namens finden sich allerdings noch in Südbayern und fast ausschließlich nur dort, vor allem in der Gegend um Mittenwald und Garmisch Partenkirchen. Hier gibt es sicher familiäre Verbindungen zwischen der Familie Zunterer in Seefeld und der großen Geigenbauertradition von Zunterern in Mittenwald.

Mehr zu den Zunterern erfahren Sie in der Zunterer Saga

Balthasars Mutter Anna Zunterer kommt 1773 auf die Welt. Sie ist das siebente und jüngste Kind der Eheleute Josef Zunterer und dessen Frau Christina Neuner. Annas Geschwister sind Maria (geb. 1752), Anton (geb. 1758), Magnus (geb. 1760), Augustinus (geb. 1763), Josef (geb. 1766) und Theresia (geb. 1769). Die Mutter wird 57 Jahre alt und stirbt 1830 zu Hause an „Magenverhärtung“, Balthasar wird dann 26 Jahre alt und Sagschneider in Unterseefeld HNr. 93 sein.

Das Sägewerk kommt zum „Hauser“

Wie der Leutascher Philipp Neuner wahrscheinlich deshalb nach Seefeld gekommen ist, weil die Frau seines dortigen Lehrherrn Josef Zunterer aus Leutasch stammt und sich die Familien gekannt haben, so ist auch sein Bruder Erasmus wahrscheinlich aus dem gleichen Grund nach Seefeld gekommen: in Unterseefeld HNr. 57 (heute HNr 93) ist die Leutascherin Magdalena Rödlach seit 1797 mit dem aus Reith stammenden Sägewerksbesitzer und Bauern Georg Gapp verheiratet. Die Eltern der Magdalena sind die Leutascher Bauersleute Michael Rödlach und Cleopha Öfnerin. Erasmus ist nach einer kurzen Ehe in Scharnitz bereits nach einem Jahr wieder Witwer. Nun findet er Arbeit in der Gapp’schen Säge, sein Chef Georg Gapp ist nur 4 Jahre älter als er. Magdalena, dessen Frau, ist ungefähr im gleichen Alter wie Ersamus – sie kennen sich somit vielleicht bereits aus ihrer gemeinsamen Schulzeit in Leutasch.

Das Sägewerk in Unterseefeld blickt bereits zu dieser Zeit auf eine ansehnliche Geschichte zurück. Urkundlich erstmals erwähnt wird der Betrieb am Gefälle des Seebaches 1713: eine Ursula Walser verkauft die Säge an ihren Bruder Georg Walser, der mit Sabina Mössmer verheiratet ist. Es folgen verschiedene Betreiber aus der Famile Walser.

1769 brennen die gesamte Behausung der Familie und auch die Säge nieder. 1793 ist dann in einer Urkunde von einer neu erbauten Behausung die Rede, auch die Ausgaben für eine neu erbaute Säge werden genau aufgelistet. Das heute alte und baufällige Haus Nr. 93 und die ältesten Teile des gegenüber auf der anderen Seite der Heilbadstraße liegenden Sägewerks sind somit auf jeden Fall vor 1800 erbaut worden und damit über 200 Jahre alt.

Die Liegenschaft wird 1793 um 1.700 Gulden an den bereits genannten 30 jährigen Reither Georg Gapp verkauft, der 1797 die Leutascherin Magdalena Rödlach heiratet, und in dessen Betrieb der ebenfalls aus Leutasch stammende Erasmus Neuner arbeitet.

Erasmus erlebt Georg Gapp nur 7 Jahre als seinen Chef. Nach 11 jähriger kinderlos gebliebener Ehe verstirbt Georg Gapp bereits mit 45 Jahren im Dezember 1808. In seinem Nachlass vermacht er „Recht und Gerechtigkeit einer Sagmuehl mit zugehöriger Behausung, Stall, Stadl, Anger und Krautgarten“ seiner zurückgelassenen Witwe Magdalena. Im Nachlassprotokoll wird der Wert des gesamten Besitzes mit 1.960 Gulden angegeben. Zwei Jahre später wird Andreas Hofer um 1.500 Gulden vom Raffl an die Franzosen verraten werden.

Magdalena ist noch relativ jung, sie bleibt nicht lange Witwe. Kurze Zeit nach dem Tod ihres Mannes Georg Gapp heiratet sie den in ihrem Betrieb angestellten Sagschneider und Leutascher Landsmann, den jungen Witwer Erasmus Neuner, und geht mit ihm den „Halben Einstand“ ein, d. h. die Eheleute teilen sich das Besitzrecht und setzen sich testamentarisch gegenseitig zum Alleinerben ein.

Mit dieser Heirat verbindet sich die Geschichte des traditionsreichen Sägewerkes in Unterseefeld mit der aus Leutasch stammenden Familie Neuner. Vorerst noch durch Balthasar Neuners Onkel Erasmus Neuner.

Da aber Erasmus „bey seinem hohen Alter (Anm.: er ist 58 Jahre alt) und einer währenden Unpässlichkeit nicht wohl im Stande ist die Wirtschaft … fortzuführen“ und selber keine leiblichen Nachkommen hat, vermacht er noch zu Lebzeiten seiner Frau im Testament von 1826 das ganze Hab und Gut inklusive aller Verpflichtungen seinem inzwischen 22 Jahre alt gewordenen Neffen Balthasar Neuner. Dazu gehören neben den Realitäten auch viele Schulden. Magdalena ist zum Zeitpunkt der Testamentserstellung ihres Mannes Erasmus im November 1826 bereits seit einigen Monaten krank und liegt ohne Hoffnung auf Genesung im Bett. Sie stirbt 1827 mit 68 Jahren an „Herzwassersucht“. Gemäß getroffener Vereinbarung zum „Halben Einstand“ fällt ihr Erbe dem Ehemann Erasmus zu, der aber bereits ein Jahr vorher seinen Neffen Balthasar zum Alleinerben eingesetzt hat.

Seit 1828 (Ablasshandlung nach Magdalena Rödlach) führen direkte Nachkommen des Balthasar Neuner einen der ältesten Gewerbebetriebe in Seefeld und den ältesten überhaupt, der seither ununterbrochen von der gleichen Familie betrieben wird. 1857 werden im Zusammenhang mit der Waldaufteilung neben der „Schneitmühle“ in Unterseefeld noch folgende Realgewerbe in Seefeld genannt: die Huf- und Hammerschmidte des Anton Hildpolt HNr 18. (heute Hotel Hiltpolt), die Wirtsbehausung von Anton Hoerting HNr. 25 (ersetzt cà 1930 durch den Neubau des Hotel Post), die Bäckerbehausung des Franz Nagl HNr. 43 (heute Rathaus), die Redermacherwerkstatt des Georg Zunterer HNr. 57 (heute „Klausnerhof“) und die Mühle und Stampf des Thomas Nagl HNr. 94 (heute Haus neben dem ehem. „Kurhotel“). Seefeld hatte damals also sechs selbständige Gewerbebetriebe.

Erasmus Neiner überlebt seine Frau Magdalena Rödlach um drei Jahre, er stirbt 1830 zu Hause an „Lungenschwindsucht“. Bei seinem Ableben gibt es nichts mehr zum Verteilen, da bereits vor vier Jahren alles mit dem Neffen Balthasar geregelt und vor gut zwei Jahren (Ableben der Magdalena Rödlach) rechtlich vollzogen wurde. Die Aufzählung seines Vermögens im Abhandlungsprotokoll ist deshalb sehr einfach: „An Barschaft: nichts. Bett- und Leibgewand: auch an solchem ist nichts vorhanden. An Realitäten: nichts.“

Balthasar Neuners Familie

Balthasar wird durch Los zum Militärdienst einberufen, nach vier Jahren wird er 1831 aus der 12. Kompanie des Tiroler Kaiserjägerregimentes entlassen. Balthasar war in keine kriegerische Auseinandersetzungen involviert und hat den Militärdienst wahrscheinlich nicht einmal (zur Gänze) selbst geleistet, sondern wie damals durchaus üblich durch einen Ersatzmann leisten hat lassen, da er im Sägewerksbetrieb sowohl aus familiärer Sicht als auch aus Sicht der Gemeinde unabkömmlich war.

Entlassungsurkunde von Balthasar Neuner
Die Entlassungsurkunde von Balthasar Neuner aus dem Kaiserjägerregiment. Foto: Privat/ Archiv Hauser Hans III

 

1832 heiratet Balthasar mit 28 Jahren – und damit als einer der jüngsten Hochzeiter aller Vorfahren im Hauser-Clan – die 27 jährige Franziska Krug aus Mösern (geb. 1805), deren Eltern sind Johann Krug und Katharina Neiner.

Die Eheleute Balthasar und Franziska schenken neuen Kindern das Leben, fünf Mädchen und vier Buben, alle werden beim Tod des Vaters 1866 wohlauf sein, eine außerordentliche Ausnahme bei der damaligen hohen Kindersterblichkeit.

Johann wird 1832 geboren, er wird den Vulgonamen seines Vaters als „Hauser-Hans“, später als „Alt-Hauser“, weitertragen und nach seinem Vater bzw. seiner Mutter das gesamte Hausergut in Unterseefeld übernehmen. Er ist der erste „Hauser“, der in Unterseefeld am zukünftigen „Stammsitz“ der Hauser auf die Welt kommt.

Maria kommt 1834 auf die Welt.

Der 1836 geborene Michael wird als Steinbrecher in Wattens arbeiten und später nach Mösern heiraten. Im Seefelder Nachbarort, der Heimat seiner Mutter, wird er Gastwirt (heute „Inntalerhof“) und als „Möserer Michl“ am ganzen Plateau bekannt sein. Er stirbt 1911.

Als nächstes folgen Katharina (geb. 1838) und Josef (geb. 1839).

Karolina (geb. 1842) heiratet 1876 den Mathias Schweninger und stirbt 1899.

Alois kommt 1844 auf die Welt.

Theresia wird 1846 geboren und 1875 den Tischler Ambros Mengele in Maria Hilf heiraten.

Als letztes Familienmitglied wird 1848 Maria Anna geboren.

Der Betrieb, den Balthasar übernommen hat, ist verschuldet, Zeit seines Lebens wird er darum ringen, das Geld zu erwirtschaften (oder auszuleihen), das er seinen zahlreichen Schuldnern in Leutasch, Buchen, Telfs, Wilten, Innsbruck, Scharnitz, Mösern, Reith, Seefeld und Oberperfuß zu bezahlen hat. Im Original erhaltene Schuldscheine, Zahlungsaufforderungen, Pfandurkunden, Mahnungen etc. belegen, dass er sich wirtschaftlich immer schwer getan hat. In einem Dokument wird er „ein bekannt schlechter Liebhaber zum Zahlen“ genannt. Manche Aktivitäten muten selbst heute noch abenteuerlich an, so z. B. 1842 der Kauf von 970 Sagblöchern vom Bruno Witting in Leutasch.

In die Zeit des Balthasar Neuner (1847/48) fällt die neue Zuteilung der Hausnummern in Seefeld, die bis zum heutigen Tag gilt. Das Haus mit dem Sägewerksbetrieb des Balthasar Neuner erhält nun statt der bisherigen HNr. 57 die neue HNr. 93.

Als weitere große Neuerung kommt es einige Jahre später zur Aufteilung des Gemeindewaldes von Seefeld auf die einzelnen „Feuerstätten“ (= Haushalte). Bis zu diesem Jahr (1857) hatte jede Familie das Recht auf ein bestimmtes Maß an Holz aus den der Allgemeinheit gehörenden Wäldern. Nun wird das Holznutzungsrecht einzelner Waldanteile schrittweise direkt und ausschließlich den einzelnen Haushalten zugeteilt und in deren Eigentum übernommen. Die Holznutzung ist seither quasi privatisiert.

Balthasar Neuner wird 62 ½ Jahre alt. Er stirbt 1866 an „Gallsucht“. Seine Frau Franziska lebt 16 Jahre länger als ihr Mann. Sie stirbt 1882 an „Altersschwäche“.

Der Betrieb, den Balthasar hinterlässt, ist mit über 1.800 Gulden immer noch hoch verschuldet und deshalb für keines der Kinder sonderlich „attraktiv“. Im Nachlassprotokoll des Balthasar werden der ganze Besitz und damit auch die Last der enormen Schulden der Witwe Franziska übertragen. Der älteste Sohn Johann scheint den Betrieb zu führen, er ist 35 Jahre alt. Alle neun Kinder sind wohlauf und wahrscheinlich noch zu Hause. Der verstorbene Vater Balthasar hat keine Regelung seines Nachlasses für seine Kinder zurückgelassen, so können sich seine Nachkommen auch nach dessen Tod nicht so schnell einigen, wer welchen Teil des Besitzes und vor allem auch der Schulden und Hypotheken übertragen erhalten solle.

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